Dimension Zuhause

Mein"ganz normaler" Tag beginnt mit dem Wecken durch meinen Lieblingsradiosender. Ich schalte meine Lampe durch leichtes Berühren ein und liege ganz selbstverständlich noch einige Minuten mit einem Gefühl von Geborgenheit unter meiner Decke. Die Morgensonne scheint angenehm durchs Fenster, vertraute Geräusche umgeben mich. Das Rauschen der Bäume von draußen. Das Tickern der alten Heizung im Haus. Das Erwachen der anderen Familienmitglieder. Mein Zuhause - meine Heimat: eine Verbindung von räumlicher und sozialer Sicherheit. Ich bin hier in einem emsländischen Dörfchen  in diesem Haus aufgewachsen, sogar einige 100 Meter weiter in einer alten Bauernkate geboren. Es gibt Momente, da fühle ich mich von all den Geräuschen gestört, überhaupt von Allem in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt.

 

 "Wikipedia beschreibt HEIMAT wie folgt: Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Der Begriff „Heimat“ steht in einer speziellen Beziehung zum Begriff der „Siedlung“; dieser bezieht sich, im Gegensatz zum Wohnplatz, in der Regel auf eine sesshafte Lebensform, d. h. auf ein dauerhaftes bzw. langfristiges Sich-Niederlassen und Wohnen an einem Ort bzw. in einer Region"

 

Mein Weg zur Arbeit führt mich 60 km weit von Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen und, je nach Wetterlage und Laune, fahre ich mal hier und mal da lang. Es gibt Momente, da fühle ich mich durch den langen Arbeitsweg in meiner Freiheit eingeschränkt, es nimmt mir scheinbar Lebensqualität. Ich nehme mir beim Tanken ganz selbstverständlich noch einen Kaffee mit, ab und zu führe ich schon im Auto Arbeitsgespräche mit Hilfe der Sprachfunktion im Auto. Am Arbeitsort angekommen, beginnt  mein "ganz normaler" Arbeitstag mit der Ausgabe meiner Schlüssel durch einen Pfortenmitarbeiter und dem Durchqueren, Öffnen und Schließen von fünf Türen, bevor ich an meinem Schreibtisch angelangt bin.  Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen ca. fünf Meter hohen Zaun. Häufig fühle ich mich durch diesen Anblick in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Ich bin Ergotherapeutin im Maßregelvollzug und meinen Tag verbringe ich hinter Gittern und vielen verschlossenen Türen. 

 

Auch dazu schreibt Wikipedia:" Im Maßregelvollzug (auch verkürzt und ungenau „Forensik“, von Klinik für Forensische Psychiatrie) werden nach § 63 und § 64 des deutschen Strafgesetzbuches unter bestimmten Umständen psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter entsprechend den Maßregeln der Besserung und Sicherung untergebracht. Vom Maßregelvollzug zu unterscheiden ist die Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB für gefährliche Straftäter, die ausschließlich dem Schutz der Öffentlichkeit dient."

 

Ein Berufsfeld der Ergotherapie ermöglicht Patienten des Maßregelvollzugs, an der Arbeits- und Beschäftigungstherapie teilzunehmen. Während eines Settings kommt einer der Patienten auf mich zu, da er beim Aufräumen einen Gegenstand gefunden hat, den er nicht zuordnen kann und noch nie gesehen hat. Herr X. ist ein Patient mit "ungünstiger Entlass-Perspektive" der mittlerweile mehrere Jahrzehnte den Maßregelvollzug sein ZUHAUSE nennt. Er zeigt mir den Gegenstand. Es ist ein Plastikstäbchen, produziert zum Umrühren von COFFEE-TO-GO. Diese Situation berührt und beschäftigt mich sehr.  All die Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die ich ohne nachzudenken mit Selbstverständlichkeit nutze, sind für diesen Menschen völlig fremd. Von der Handy-App bis zum ganz alltäglichen Kaffee zu Mitnehmen an der Tankstelle. Vom Bewegungsmelder über die Touch-Me-Funktion einer Lampe bis hin zur Sprachsteuerung im Auto. Der Patient ist ungefähr in meinem Alter und die Wörter ZUHAUSE und HEIMAT haben für ihn durch das Fehlen von FREIHEIT eine völlig andere Dimension. Das ZUHAUSE von Herr X. ist eine Gemeinschaft nicht selbst gewählter  Mitpatienten, wobei es regelmäßig zu Wechseln kommt durch Verlegung etc. Sein Weg zur Arbeit besteht immer aus 100 Meter Fußweg und sein Zuhause ist ein kleines Zimmer, wobei der Patient das GLÜCK hat, es allein bewohnen zu dürfen. Wenn Herr X. aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf den ca. fünf Meter hohen Zaun.

 

Zu Freiheit sagt Wikipedia folgendes:

Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können

 

Die Begegnung mit diesem Patienten berührt mich auch heute noch und veränderte meinen Blick auf mein Leben. Ich habe die FREIHEIT, ohne Zwang zwischen so vielen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen zu dürfen. Ich kann leben wo ich möchte. Ich kann leben wie ich möchte und mein Zuhause nach meinen Wünschen gestalten. Ich kann leben, mit wem ich möchte, und ich entschied mich für meine große Familie in meiner Heimat. Mein Elternhaus ist mein Zuhause. Wie wunderbar ist es doch, ohne räumliche  Begrenzung mit geliebten Menschen leben zu dürfen. Und wenn ich heute wach werde und die vertrauten Geräusche um mich herum wahrnehme, haben die Worte  ZUHAUSE - HEIMAT im Zusammenhang mit   FREIHEIT eine ganz andere Dimension als noch vor Monaten.

 

Marietheres Braun

 

März 2018

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